Beiträge vom November, 2009

Verblendung

Saturday, 7. November 2009 19:29

Am Anfang stand – wie so oft – die Idee, einfach nur mal wieder ins Kino zu gehen. Während der Arbeitswoche komme ich selten dazu, weil ich zu Zeiten, zu denen Filme starten, oft noch im Büro sitze oder andere Termine habe und die Magdeburger Filmlandschaft Spätvorstellungen nur noch an sehr ausgewählten Tagen zu Verfügung stellt. Ein Samstagabend zur Spätvorstellungszeit hielt dann für den Kinobesuch her.

Das Angebot der Filme wirft mich schon lange nicht mehr um, aber hier und da ist etwas dabei, das spannend ist oder das ich mag, weil es in irgendeiner Form Fiktion ist, die ich mir gern anschaue. In diesem Fall hatte jedoch schon vorher etwas komplett anderes meine Aufmerksamkeit erregt. Der Film “Verblendung” wurde sehr reißerisch angekündigt, die Vorschau versprach trotzdem einen interessanten Inhalt.

Zunächst konnte ich mich gar nicht entscheiden, ob ich die Romanvorlage von Stieg Larsson lesen oder doch den Film schauen sollte. Also wurde das allesbeinhaltende Weltnetz befragt – wenn auch nur in sehr kleinen Stichproben. Auf der Krimi-Couch gab es eine sehr mäßige Kritik zum Buch: Ein Rahmen, der nicht so recht zur eigentlichen Geschichte passt, Fehler im Aufbau der Geschichte, langatmig und letztendlich “nicht sonderlich originell”. Angesichts meine Stapels noch zu lesender Bücher also eher kein Zuwachs. Wesentlich freundlicher bis hin zu romantisch waren da eher die Beschreibungen des Films*, den man nach Meinung einiger Blog-Autorinnen unbedingt sehen muss. Mit der Alternative “Final Destination 4”, die mich maximal wegen des Untertitels “Rest in pieces” zum Schmunzeln bringt, war die Wahl getroffen. “Verblendung” in einer Samstagkinospätvorstellung.

Den Inhalt des Films möchte ich an dieser Stelle nicht wiedergeben, dafür gibt es genügend andere Quellen, z.B. Wikipedia.

Ich empfand den Beginn des Films als sehr seicht. Es passiert nichts, was nicht auch in anderen Filmen schon verarbeitet wurde: Verlorener Prozess, Karrierezweifel, Auszeit, hingeworfene Arbeit, enttäuschte Kollegen. Der Protagonist Mikael Blomkvist wird recht typisch eingeführt. Auch Lisbeth Salander, die zweite Hauptfigur, wird krass, aber nicht ungewöhnlich beschrieben. Wie sehr ihre Vorgeschichte zur Geschichte des Films passt, zeigt sich erst langsam und wird so recht erst im Nachhinein bewusst. Die fehlenden Zusammenhänge haben mich während des Films öfter zu der Frage gebracht, warum diese oder jene Szene überhaupt vorhanden ist oder so umfangreich dargestellt wurde.

Vordergründig geht es darum, einen Mordfall aufzuklären, der Jahrzehnte zurückliegen soll. Bei der Recherche kommt eine Reihe von sexuell motivierten Morden ans Tageslicht und neben gar unfriedlichen Familienverhältnissen werden schlussendlich auch die Schuldigen ausgemacht. Alles in feiner Krimimanier mit Verwechslungen, Unsicherheiten, einem Happy-End in letzter Minute und bösem Ende für die Übeltäter.

Hintergründig beschäftigt sich der Film so intensiv mit den Themen Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, dass ich fast autobiographische Hintergründe unterstellen mag. Lisbeth Salander erlebt selbst im Film eine sehr brutale Vergewaltigung, deren Darstellung ich auch unter dem Argument künstlerischer Schockwirkung extrem empfand, für die sie sich nicht weniger brutal und sehr nachhaltig rächt. Insgesamt ist Lisbeth Salander ein sehr intelligenter, aber auch sehr unverstandener und getriebener Charakter. Ihre Erfahrungen motivieren sie dann wohl auch dazu, in den Fall einzusteigen.

Mit Fortschreiten der Handlung entwickelt sich zwischen den Hauptcharakteren ein Verhältnis, das einerseits Anziehung, andererseits aber auch massive Angst voreinander und vor einer Abhängigkeit wiederspiegelt. Da trifft der romantisch verträumte Journalist auf eine verschlossene, eiskalt erscheinende und nur punktuell verfügbare Hackerin mit gewalttätig verstörter Kindheit, die sich an ihn heranlässt, ohne dass er dabei etwas nehmen könnte. Leider ist das auch alles, was der Film aus dem Verhältnis gemacht hat. Das Ausmalen der Möglichkeiten, Konsequenzen und innerer Handlungen der jeweiligen Charaktere bleibt dem Zuschauer als Hausaufgabe überlassen, dabei hätte das sehr gut in den Film hineingepasst. Vielleicht spricht mich dieser Aspekt aber auch nur deshalb so sehr an, weil er mich an persönliche Erfahrungen erinnert.**

Der Film hat, wie oben schon erwähnt, ein Happy End. Eines, das mich verwirrt hat, weil ich bis jetzt noch nicht entscheiden konnte, ob einfach nur ein schönes Ende her musste, oder ob die Figur der Lisbeth Salander letztendlich doch nur aus stereotypen Vorurteilen zusammengesetzt wurde. Ihr Wandel, auch wenn er nur angedeutet wird, schwingt sehr die Moralkeule. Ein wenig Lisbeth bleibt, aber letztendlich verschwindet die Figur, wie sie war und wird durch eine neue ersetzt. Flucht aus der ungeliebten Existenz oder ein moralischer Sieg? Dieser würde den Film entwerten, der doch die ganze Zeit dargestellt hat, warum es diesen moralischen Sieg eben nicht geben kann.

“Verblendung” muss man sich anschauen, um den Film anschließend mit Kenntnis aller Teile noch einmal zusammenzusetzen. Dann regt er zum Nachdenken an. Genau dazu ist der Abspann auch sehr gut geeignet***, der insbesondere mit der musikalischen Untermalung nicht versucht, Aufmerksamkeit zu erheischen, sondern eine fast meditative Stimmung verbreitet.

Wer jetzt eine Empfehlung sucht, muss leider enttäuscht werden. Ich bereue es nicht, den Film gesehen zu haben – im Gegenteil konnte ich sehr viel darüber nachdenken. Aber es fällt mir ebenso schwer, ihn als guten Film darzustellen. Auf jeden Fall etwas anderes als Popcorn-Kino, und schon allein deshalb sollte es mehr Filme dieser Art geben. ****

* Offenbar habe ich trotzdem keine so ernst genommen, dass ich irgendeinen Link abgespeichert habe. Meine Sammlung schweigt diesbezüglich und kann sich nur an die Buchkritik erinnern.

** Bevor jemand spekuliert: Die Erinnerung geht um drei Ecken und hat nichts mit irgendeiner Form von Vergewaltigung zu tun.

*** Wenn nicht eine halbe Minute vor Ende des Abspanns ein Kinomitarbeiter hereinkommt, den Ton ausstellt und fragt, ob er denn die Tiefgarage abschliessen koenne. Ich hoffe, das passiert mir nicht noch einmal.

**** Der Film gehört zur Reihe der Millenium-Trilogie, der nächste Teil kommt wohl im Februar 2010.

Thema: Erlebtes, Literatur | Kommentare (1) | Autor: