S C H R E I B M A S C H I N E

Just one of those days …

Ich gehe nicht ins Internet!

Es ist zwar schon eineinhalb Monate her, dass über den neuen Selbsttest zur Internetsucht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) berichtet wurde (z.B. durch heise online), aus verschiedenen Gründen1 habe ich ihn aber erst heute ausprobiert.

Das Ergebnis fiel entsprechend meiner Erwartung aus: ich bin zwar nicht süchtig, aber – natürlich! – suchtgefährdet!

Was läuft da schief in meinem Leben? Ich habe wahrheitsgemäß angekreuzt, dass ich wenig spiele und mir Bekanntschaften wichtiger sind als das Internet. Ich habe auch wahrheitsgemäß angekreuzt, dass ich meine Hausaufgaben und Hausarbeit nicht schneller oder schlechter erledige, nur damit ich bald ins Internet gehen kann. Aber: Ich habe auch wahrheitsgemäß angekreuzt, dass ich in meiner Freizeit acht Stunden am Tag im Internet verbringe.

Moment: das ist ja meine ganze Freizeit! Suchtgefährdet!!!

Ich lehne mich etwas zurück: Arbeitsbedingt verbringe ich natürlich viel Zeit im Internet. Das gehört zur Forschung inzwischen einfach dazu und ich kenne niemanden, der in der Bibliothek ein Lexikon aufsucht, um einen Begriff nachzuschlagen. Das geht mit Suchmaschinen im Internet einfach viel schneller und bequemer vom Schreibtisch aus! An dieser Stelle war ich geneigt, „berufsbedingt“ zu schreiben, aber ich kann an diesem Verhalten keine berufliche Präferenz mehr feststellen. Ich fühle mich im Gegenteil oft selbst eher noch altmodisch offline, wenn ich mein Nutzungsverhalten mit dem anderer Bekannter/Freunde/Kollegen vergleiche.

Der Schuldige lässt sich vielmehr (stellvertretend) durch folgende Testfrage benennen:

„Wie oft freust du dich bereits auf deine nächste Internetsitzung?“
(Seite 14 des Fragebogens)

Dabei habe ich auch hier wahrheitsgemäß mit „Nie“ geantwortet. Denn: Es gibt keine nächste Internetsitzung! Markus Beckedahl hat das in einem Interview für den Tagesspiegel anlässlich der re:publica2 sehr treffend formuliert:

„Keiner geht hier mehr ins Internet. Das Internet ist einfach da.“

Ebenfalls gut dargestellt in folgendem Tweet3

Jetzt muss man dem Test zugute halten, dass er für Jugendliche erstellt wurde, die laut Norm wohl nicht den ganzen Tag mit dem Smartphone herum rennen sollten und deshalb auch nur zu bestimmten Zeiten ins Internet gehen.4 Allerdings frage ich mich, ob der Test dann überhaupt noch die Realität erfasst? Ich bin schlichtweg zu alt, um zu den Digital Natives gehören zu können, und selbst ich fühle mich von diesem Test massiv missverstanden.

„Ins Internet gehen“ heißt für mich:

  • Internetbedürfnis entwickeln
  • Modem einschalten
  • PPP-Daemon (oder ein anderes Einwahlprogramm) starten
  • Einwahl abwarten, dabei zuhören, ob alles funktioniert
  • etwas so schnell wie möglich im Internet tun, weil nebenbei die Uhr tickt5
  • die Internetverbindung explizit abbauen
  • das Modem wieder ausschalten

Das habe ich vor 12 Jahren zum letzten Mal so gemacht.

Wie geht man heute ins Internet? Muss ich dafür den Browser öffnen? Mein Handy ist doch auch online … oder muss ich mir explizit vornehmen, ins Internet zu gehen? Aber was soll ich da? Die Umfrage hat Online-Spiele und Arbeit explizit ausgeschlossen. Dort ging es um Freizeit im Internet. Ich gucke hin und wieder etwas auf Youtube an. Bin ich dafür im Internet? Wenn ich die Filme vorher herunterlade und sie dann schaue, zählt das dann nicht als Internet-Zeit? Ich finde es erschreckend, wie sehr diese Studie an der Nutzungsrealität vorbei geht. Es zählt doch auch niemand, wie lange ich telefoniere!6 Wie war das eigentlich damals, als ich beim Nachschlagen einzelner Begriffe im Lexikon7 stundenlang Dinge gelesen hat, die gar nicht zur eigentlichen Aufgabe gehörten? Warum hat niemand versucht, mich vor Lexika zu retten?

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Ich halte Medienkompetenz für eine sehr wichtige Fähigkeit, ebenso wie ich deren Vermittlung für eine Aufgabe halte, der wir8 uns viel zu wenig widmen. Ebenso wichtig ist es, zu erkennen, wenn jemand von einem Medium derart gefangen wird, dass dessen Nutzung schädlich ist. Nur ist „das Internet“ inzwischen viel zu viel, als dass nur dessen Nutzung an sich uns etwas darüber verraten kann, wie es genutzt wird und ob es sich um ein „gutes“ oder ein „schlechtes“ beziehungsweise „schädliches“ Nutzungsverhalten handelt. Ein entsprechender Test sollte sich IMHO viel mehr auf einzelne Nutzungsaspekte konzentrieren und diese erfragen. Dann hilft er auch den Jugendlichen.

TL;DR

Liebe Mitarbeiter der BZgA: Achten Sie doch bitte bei der Erstellung solcher Tests darauf, dass sie auch die Realität der Zielgruppe sinnvoll widerspiegeln!

  1. namely: beim ersten Test funktionierte die Seite mit dem Test einfach nicht und dann verging eine Weile, bis ich es wieder versucht habe … 

  2. ja, ist schon eine Weile her! 

  3. Everything is a remix: Das ist sicher nicht das Original und nicht der einzige Tweet, der diese Aussage verpackt! 

  4. Meine eigene, ziemlich eingeschränkte und konservative Meinung. Warum sollten sie eigentlich nicht?! 

  5. das waren mal muntere drei Pfennige pro Minute! 

  6. Gibt es Studien über Menschen, die stundenlang der Zeitansage zuhören? Gibt es so etwas? Wird denen geholfen? Vielleicht mit einer telefonischen Umfrage? 

  7. ja, sooo alt bin ich! 

  8. sowohl die Schulen als auch jeder einzelne von uns 

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