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Kein Anschluss unter dieser Nummer

Tuesday, 31. August 2010 22:58

Da bin ich doch in Helsinki in die Nachtverkehrsfalle getappt:

Nach getaner Arbeit habe ich mir von meinen Kolleginnen vor Ort ein wenig die Stadt zeigen lassen: die wichtigsten Bauwerke, ein bisschen Geschichte und die Inseln, auf denen früher1 die Festung gegen die Russen errichtet wurde und die heute neben vielen Touristen auch gute Restaurants mit leckeren Rentiergerichten beherbergen. Zurück ging es mit der Fähre und dann war alles ganz einfach: Mit dem Bus zur Uni und von dort aus so zum Hotel, wie das auch gestern schon sehr gut funktionierte.

In der Theorie ein guter Plan, in der Praxis war es dreiviertel zehn und der Wunschbus fuhr nicht mehr. An eine Routenplanung mittels Stadtplan ist hier nicht zu denken. Zwar weiß ich inzwischen, wo ungefaehr sich das Hotel und die Uni befinden, die exakten Positionen auszumachen war mir bislang jedoch nicht möglich. Zudem scheinen nicht alle Linien auf dem Plan verzeichnet zu sein.

Glück im Unglück: Ich habe einen Schlüssel zur Uni und zum Büro bekommen, konnte dort also nachschlagen. Die Webseite zur Routenplanung der hiesigen Verkehrsbetriebe gefällt mir sehr gut. Nun müsste man sich nur noch die Haltestellen in der Umgebung des Hotels merken können2 und bekommt dann einen Reiseplan. Hier ist die ganze Energie  der Gestalter hineingeflossen, deshalb werden in nur wenigen Bussen überhaupt die nächsten Haltestellen angezeigt, Busse halten nur auf Wunsch, was sinnvoll ist, wenn man weiß, dass man an der kommenden Haltestelle aussteigen will, also auch weiß, was die kommende Haltestelle ist, jede Fahrt auf unbekannter Strecke aber zu einem Abenteuer macht. Ein Makel: In der Routenplanung steht nicht, in welche Richtung der Bus an der entsprechenden Haltestelle fahren muss, auf welcher Seite der Straße ich also warten sollte.

Finnische Wörter weisen eine erstaunliche Ähnlichkeit zur Tetris-Melodie auf: ich kann sie mir nicht merken. Also stehe ich mit einem Zettel in der Hand an der Haltestelle, die nach meinem besten Gewissen die richtige sein müsste. 3

Und dann kommt der Bus. Ich halte die Hand raus, steige ein, stelle meine Frage nach der Haltestelle. Ich spreche kein Wort Finnisch, der Busfahrer offenbar kein Wort Englisch: Lost in Translation. Hier käme der Zettel zum Einsatz. Jedenfalls bei nicht-weitsichtigen Busfahrern. Ich sage nur “Haaga”,4 der Busfahrer nickt und fährt los. Ich bekomme Schicksalsmitleid, dieser Bus hat bereits eine Haltestellenanzeige.

Nach einer geraumen Welte dreht sich der Busfahrer um und sagt etwas zu mir. Was, werde ich nie erfahren, aber ich halte nochmals meinen Zettel hin und sage diesmal auch das “ammattikoulu”5 mit auf. Er nickt und fährt weiter, und siehe da: die nächste Haltestelle ist Ilkantie und dann kommt auch schon das Ziel.

Wer also weder die Landessprache spricht noch vollständig durch die Verkehrspläne durchblickt sollte als immer einen Zettel mit den Zielkoordinaten dabei haben.

  1. im 18. Jahrhundert []
  2. Metsäläntie, Haaga ammattikoulu, … []
  3. Man könnte nach den Abfahrtszeiten gehen, jedoch sind die wegen der optionalen Haltestellen eher Wunsch als Realität. []
  4. Doppelte Buchstaben werden lang ausgesprochen. Auch, wenn es Konsonanten sind. In Finnland gibt es ein langes “P”. []
  5. ohne langes T []

Thema: Erlebtes | Kommentare (1) | Autor: tux

Stiftig

Friday, 20. August 2010 12:37

Anfang des Jahres schrieb ich über das Problem, angeblich gute Schreibstifte nur in “modischen” Farben zu erhalten. Hier das kurze Update: Mission Accomplished! Ich nutze nun den Stabilo pointVisco in der Farbe Schwarz zum Schreiben in fast allen Lebenslagen und bin sehr zufrieden damit.

Die Kategorie “getipptes” und damit auch dieses Blog wird das wohl nur marginal voranbringen – derzeit passiert mehr in meinem Skizzenbuch. Aber lili hat ja bereits gute Vorlagen für neue Beiträge geliefert. :)

Thema: Meta | Kommentare (0) | Autor: tux

Freizeitlos?

Wednesday, 5. May 2010 1:11

Mir wurde gerade einmal wieder vor Augen geführt, dass ich relativ viel und recht lange arbeite. Das bringt mich selbst oft zum Nachdenken und zu der Frage: Muss und darf das so? Andererseits: Brauche ich mehr Freizeit?

Dieses Freizeitkonzept seziere ich gerade und es bleibt nicht viel davon übrig. Bei einer Trennung zwischen Arbeit und Freizeit müssen wir von einem Zwang ausgehen; von einer Unfreiheit, mit der ein Teil des Tages verbracht wird. Als Gegenleistung für einen gewissen Lohn, der üblicherweise monatlich auf dem Konto landet. Natürlich habe ich auch vieles zu tun, das mir keinen Spaß macht. Doofe Aufgaben gibt es halt immer. Aber insgesamt mache ich doch den ganzen Tag, was ich sonst auch in meiner Freizeit gern täte — nur halt bezahlt. Letztendlich kommt es doch darauf an, seinen Lebensunterhalt mit etwas zu verdienen, was man gern tun mag.

Das klingt jetzt fürchterlich arrogant. Gegenüber allen, die mehr Verpflichtungen haben, eine Familie ernähren oder für andere Menschen sorgen müssen. Nicht jeder hat das Glück, von seiner Lieblingsarbeit gut leben zu können. Und doch halten sich so viele unnötig gefangen. “Aber ich kann doch nicht…” — da frage ich mich immer: Warum denn nicht? Wenn ich einmal kritisch überdenke, wozu ich mich gezwungen, genötigt, angehalten fühle, bleibt davon nicht vieles übrig. So vieles ist letztendlich freiwillig und oft stört nur die Angst vor der Veränderung den Gedanken, etwas aus dem Weg zu räumen, das nicht gemocht wird. Na klar gibt es Verpflichtungen und auch langfristige Zielstellungen, für die sich kurzfristige Unannehmlichkeiten lohnen. Aber ganz unzufrieden sollte niemand sein müssen.1

Neben einer Arbeit, die Spaß macht, ist auch noch wichtig, wie sie über den Tag verteilt wird. Ich habe mich ein halbes Jahr lang an einem Achtstundentag versucht. Erfolglos. Dieses Konzept, um neun ins Büro zu gehen, dort genau 8 Stunden lang (abgesehen von den Pausen) genau die benötigte Produktivität und Kreativität aufzubringen, die der Job verlangt, um  gegen 17 Uhr wieder zu Hause zu sein und den Tag mit “Freizeit” zu füllen, passt weder zu meiner Arbeitsweise noch fördert es Ideen. Mit fällt unter der Dusche ein, wie sich ein bestimmtes Problem lösen lässt2 oder beim Abwaschen. Ich habe nach dem Mittagessen keine Lust auf Arbeit, wohl aber abends um zehn. Wer es vermag — und auch das ist natürlich von der Art der Arbeit abhängig — sollte seinen Chef überreden, dann zu arbeiten, wann es dem persönlichen Empfinden entspricht. Als Gegenleistung muss man sich die Disziplin abverlangen, trotzdem das Soll zu erfüllen. Keine schwere Aufgabe, wenn die Arbeit selbst ein Stück Freizeitgestaltung ist.

Wenn der Tagesablauf frei ist, lässt sich darum jedes weitere Hobby flechten. Nachmittags an die frische Luft? Kein Problem, dann wird halt Abends nochmal gearbeitet. Mal einen Tag freimachen? So es die Termine erlauben, kann auch mit Wochenendtagen getauscht werden. Warum muss man sich bremsen, wenn Samstag Lust auf eine bestimmte Aufgabe aufkommt? Warum quälen, wenn der Mittwochmorgen bettaffin ist?

Alles unter dem Vorbehalt, dass die Arbeit es zulässt. Wer Öffnungszeiten hat, muss auch da sein. Das zählt quasi als ein Termin — und für die gilt auch: Termine werden eingehalten und sollten nicht allzu oft verschoben werden. 3 Meine Beobachtung ist aber, dass sich Menschen mit derartig festgelegten Arbeitszeiten selten darüber beschweren. Oft sind es nur die, die auch tatsächlich etwas daran ändern könnten. Vielleicht eine Reaktion auf den unbewussten Frust, der durch einen vermeidbaren Zwang entsteht. Langfristige Null-Bock-Phasen lassen sich damit auch nicht beheben. Wer nie arbeiten mag, sollte an seiner Aufgabe arbeiten. Kurzfristige Unlustphasen lassen sich so gut überbrücken.

Unterm Strich steht für mich: Ich habe keine dedizierte Freizeit. Da sind wenige Stunden, in denen ich unerreichbar bin oder nicht doch hier und dort mal etwas über die Arbeit aufploppt. Andererseits habe ich auch selten das Gefühl, etwas nicht tun zu können, weil es die Arbeitszeit verbietet. Selbst ein expliziter Feierabend ist möglich, wenn ich irgendwann beschließe, für den Rest des Tages nichts mehr zu machen. Was letztendlich nur heißt, mich nicht mehr an Verpflichtungen zu orientieren. Denn irgendwas mache ich ja trotzem.4

Für alle, die sich jetzt denken: “Das klingt ja nett, aber bei mir ist alles anders!” Ist es das wirklich? Ich habe mir inzwischen angewöhnt, bei jeder sich ergebenden Einschränkung zu fragen: Wo kommt diese Einschränkung her? Warum kann ich sie einhalten? Welche Konsequenzen hat es, sie aufzuheben oder zu umgehen? Wenn der Bei-mir-klappt-das-aber-nicht-Punkt erst einmal überschritten ist, lassen sich erstaunlich viele Dinge sehr leicht ändern.

  1. Ich habe heute mit Schrecken gelesen, dass es doch viele Menschen gibt, die in Deutschland arbeiten und zusätzlich Sozialbeihilfen beantragen müssen — das macht mich traurig. Wir sollten doch inzwischen zu mehr fähig sein; so als Gesellschaft… []
  2. und damit bin ich nicht allein! []
  3. Mit richtiger und geschickter Terminplanung lassen sich große Teile des Tages ebenfalls freiräumen []
  4. Zum Beispiel nicht endenwollende Blogbeiträge schreiben…. []

Thema: Gedanken, Lebensgefühl | Kommentare (4) | Autor: tux

Schnee im März

Saturday, 6. March 2010 12:13

Es hat geschneit. Das ist in diesem Winter nichts ungewöhnliches und in wesentlich heftigerer Form bereits einige Male vorgekommen. Europa ist in diesem Winter so oft in dieser oder jener Vorform des Schneechaos versunken, dass man meinen sollte, alles sei entspannt und darauf vorbereitet.

Wäre ich im Marketing tätig, würde ich Schnee spätestens jetzt sehr genau untersuchen: Kaum sonst etwas sorgt bei jedem Auftreten für Wirbel und Aufmerksamkeit, ohne sich im Wesentlichen zu ändern. Schnee ist Schnee und die feine Besonderheit fraktaler Schneeflockengebilde können wir mit bloßem Auge meist gar nicht wahrnehmen; auch habe nich noch nicht erlebt, dass sich jemand freut hat, weil er ein besonders außergewöhnliches Exemplar einer Schneeflocke entdeckte.

Dass es geschneit hat, verriet mir ein Blick aus dem Fenster, doch auch ohne wäre es kein Geheimnis geblieben: Twitter ist voll von Gejammere über das weiße Zeug, dass sich schon wieder über unsere Welt gelegt hat. Beziehungsweise über den Teil der Welt, den viele doch lieber aussperren.

Warum?

Die Auswahl der Emotionen, die Schnee im speziellen und das Wetter allgemein in uns auslösen sollten, ist sehr eingeschränkt: Wir können gleichgültig sein, denn am Wetter lässt sich bislang nichts ändern und das einzige, das wir mit der Witterungssituation machen können, ist, sie hinzunehmen. Und wir können — je nachdem, wie wir gestrickt sind — hochachtungsvoll oder neidisch sein, denn das Wetter schert sich kein bisschen darum, was wir von ihm halten und wird weder von Freudenstürmen noch von Hasswellen aus dem Konzept gebracht. Es ist einfach.

Ärgern darf man sich vielleicht, wenn einem das Wetter einen Strich durch konkrete Vorhaben macht. Aber ich weiß von niemandem, der heute zum Picknick in den Park wollte und nun statt dessen Schlittenfahren muss. Im Gegenzug muss man sich dann aber auch freuen, wenn das Wetter ein Vorhaben unterstützt!

Also, liebe Schneehasser und Sommersehnsüchtler: Hört auf zu jammern, meckert nicht, sondern zieht euch warm an und geht spazieren. Es ist nämlich schön da draußen!

Thema: Lebensgefühl | Kommentare (1) | Autor: tux

777

Wednesday, 3. March 2010 18:55

Es machte “woooosch” und da zog er – fast völlig unbemerkt – vorbei: Mein siebenhundertsiebenundsiebzigster Tweet. Und hätte ich es nicht fast zufällig bemerkt, wäre er wohl auch nicht weiter wichtig gewesen. Dabei war er – in beliebter Twitter-Manier – absolut tiefsinnig! Und völlig belanglos.

Tweet Nummer 777

Abschließend bleibt noch zu bemerken, dass das Wetter, im Gegensatz zu anderen Regionen Deutschlands, auch im weiteren Verlauf  eines Sonntags nicht würdig war! Völlig belanglos. Es ist ja Mittwoch.

Thema: Lebensgefühl | Kommentare (0) | Autor: tux

Mainstreamfarben

Wednesday, 13. January 2010 1:14

Nachdem Finja neulich berichtete, im stabilo Visco ihren Stift für’s Leben gefunden zu haben, zog ich nun selbst aus, jenen zu begutachten. Wie in vielen anderen Bereichen des Lebens bin ich auch in der Frage des Schreibstiftes noch ziemlicher Single und trotz einiger teils heftiger Affären habe ich noch nicht den Richtigen gefunden.

Ein kurzer Zwischenwurf: Kenn jemand einen brauchbaren und erreichbaren Schreibwarenladen in Magdeburg? Der im Allee-Center hat offenbar zugemacht. Oder ist er nur umgezogen und ich habe ihn nicht wiedergefunden?

Und zurück zur eigentlichen Erzählung: In oben eingeschobener Ermangelung eines brauchbaren Schreibwarenladens bin ich zu Karstadt gegangen und habe dort die Stifte ausprobiert.

Finja hat Recht, sie schreiben sich wirklich gut. Aber leider waren sie nur in absolut modischen* Farben vorhanden: hellblau, hellgrün, orange und violett.

Wer denkt sich sowas aus???

* das heißt für den täglichen Gebrauch völlig unvertretbar …

Thema: Erlebtes | Kommentare (1) | Autor: tux

Sprachlos

Saturday, 2. January 2010 20:07

Irgendwie bin ich gerade, so rein blogtechnisch, ein wenig sprachlos. Quasi eine lang anhaltende Montagmorgenstimmung. Über Ursachen werde ich nicht spekulieren; dass zu wenig los ist, kann ich eigentlich nicht behaupten. Aber im Strudel der Themen hat sich außer Fetzen und Fragmenten nicht viel an die Oberfläche gewagt.

Im Konzept klafft noch eine Lücke zwischen den 140 Zeichen für Twitter und dem Anspruch eines Blogeintrags. Und rein technisch hab ich mein Notizbuch zu selten dabei und noch immer kein Cafe, in dem ich schreiben mag.

Dafür bin ich wieder lesewütiger und auch bei Goodreads zu finden. Und hinter dem Stapel Bücher, der demnächst gelesen werden möchte.

Thema: Gedanken, Lebensgefühl, Literatur | Kommentare (4) | Autor: tux

Verblendung

Saturday, 7. November 2009 19:29

Am Anfang stand – wie so oft – die Idee, einfach nur mal wieder ins Kino zu gehen. Während der Arbeitswoche komme ich selten dazu, weil ich zu Zeiten, zu denen Filme starten, oft noch im Büro sitze oder andere Termine habe und die Magdeburger Filmlandschaft Spätvorstellungen nur noch an sehr ausgewählten Tagen zu Verfügung stellt. Ein Samstagabend zur Spätvorstellungszeit hielt dann für den Kinobesuch her.

Das Angebot der Filme wirft mich schon lange nicht mehr um, aber hier und da ist etwas dabei, das spannend ist oder das ich mag, weil es in irgendeiner Form Fiktion ist, die ich mir gern anschaue. In diesem Fall hatte jedoch schon vorher etwas komplett anderes meine Aufmerksamkeit erregt. Der Film “Verblendung” wurde sehr reißerisch angekündigt, die Vorschau versprach trotzdem einen interessanten Inhalt.

Zunächst konnte ich mich gar nicht entscheiden, ob ich die Romanvorlage von Stieg Larsson lesen oder doch den Film schauen sollte. Also wurde das allesbeinhaltende Weltnetz befragt – wenn auch nur in sehr kleinen Stichproben. Auf der Krimi-Couch gab es eine sehr mäßige Kritik zum Buch: Ein Rahmen, der nicht so recht zur eigentlichen Geschichte passt, Fehler im Aufbau der Geschichte, langatmig und letztendlich “nicht sonderlich originell”. Angesichts meine Stapels noch zu lesender Bücher also eher kein Zuwachs. Wesentlich freundlicher bis hin zu romantisch waren da eher die Beschreibungen des Films*, den man nach Meinung einiger Blog-Autorinnen unbedingt sehen muss. Mit der Alternative “Final Destination 4″, die mich maximal wegen des Untertitels “Rest in pieces” zum Schmunzeln bringt, war die Wahl getroffen. “Verblendung” in einer Samstagkinospätvorstellung.

Den Inhalt des Films möchte ich an dieser Stelle nicht wiedergeben, dafür gibt es genügend andere Quellen, z.B. Wikipedia.

Ich empfand den Beginn des Films als sehr seicht. Es passiert nichts, was nicht auch in anderen Filmen schon verarbeitet wurde: Verlorener Prozess, Karrierezweifel, Auszeit, hingeworfene Arbeit, enttäuschte Kollegen. Der Protagonist Mikael Blomkvist wird recht typisch eingeführt. Auch Lisbeth Salander, die zweite Hauptfigur, wird krass, aber nicht ungewöhnlich beschrieben. Wie sehr ihre Vorgeschichte zur Geschichte des Films passt, zeigt sich erst langsam und wird so recht erst im Nachhinein bewusst. Die fehlenden Zusammenhänge haben mich während des Films öfter zu der Frage gebracht, warum diese oder jene Szene überhaupt vorhanden ist oder so umfangreich dargestellt wurde.

Vordergründig geht es darum, einen Mordfall aufzuklären, der Jahrzehnte zurückliegen soll. Bei der Recherche kommt eine Reihe von sexuell motivierten Morden ans Tageslicht und neben gar unfriedlichen Familienverhältnissen werden schlussendlich auch die Schuldigen ausgemacht. Alles in feiner Krimimanier mit Verwechslungen, Unsicherheiten, einem Happy-End in letzter Minute und bösem Ende für die Übeltäter.

Hintergründig beschäftigt sich der Film so intensiv mit den Themen Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, dass ich fast autobiographische Hintergründe unterstellen mag. Lisbeth Salander erlebt selbst im Film eine sehr brutale Vergewaltigung, deren Darstellung ich auch unter dem Argument künstlerischer Schockwirkung extrem empfand, für die sie sich nicht weniger brutal und sehr nachhaltig rächt. Insgesamt ist Lisbeth Salander ein sehr intelligenter, aber auch sehr unverstandener und getriebener Charakter. Ihre Erfahrungen motivieren sie dann wohl auch dazu, in den Fall einzusteigen.

Mit Fortschreiten der Handlung entwickelt sich zwischen den Hauptcharakteren ein Verhältnis, das einerseits Anziehung, andererseits aber auch massive Angst voreinander und vor einer Abhängigkeit wiederspiegelt. Da trifft der romantisch verträumte Journalist auf eine verschlossene, eiskalt erscheinende und nur punktuell verfügbare Hackerin mit gewalttätig verstörter Kindheit, die sich an ihn heranlässt, ohne dass er dabei etwas nehmen könnte. Leider ist das auch alles, was der Film aus dem Verhältnis gemacht hat. Das Ausmalen der Möglichkeiten, Konsequenzen und innerer Handlungen der jeweiligen Charaktere bleibt dem Zuschauer als Hausaufgabe überlassen, dabei hätte das sehr gut in den Film hineingepasst. Vielleicht spricht mich dieser Aspekt aber auch nur deshalb so sehr an, weil er mich an persönliche Erfahrungen erinnert.**

Der Film hat, wie oben schon erwähnt, ein Happy End. Eines, das mich verwirrt hat, weil ich bis jetzt noch nicht entscheiden konnte, ob einfach nur ein schönes Ende her musste, oder ob die Figur der Lisbeth Salander letztendlich doch nur aus stereotypen Vorurteilen zusammengesetzt wurde. Ihr Wandel, auch wenn er nur angedeutet wird, schwingt sehr die Moralkeule. Ein wenig Lisbeth bleibt, aber letztendlich verschwindet die Figur, wie sie war und wird durch eine neue ersetzt. Flucht aus der ungeliebten Existenz oder ein moralischer Sieg? Dieser würde den Film entwerten, der doch die ganze Zeit dargestellt hat, warum es diesen moralischen Sieg eben nicht geben kann.

“Verblendung” muss man sich anschauen, um den Film anschließend mit Kenntnis aller Teile noch einmal zusammenzusetzen. Dann regt er zum Nachdenken an. Genau dazu ist der Abspann auch sehr gut geeignet***, der insbesondere mit der musikalischen Untermalung nicht versucht, Aufmerksamkeit zu erheischen, sondern eine fast meditative Stimmung verbreitet.

Wer jetzt eine Empfehlung sucht, muss leider enttäuscht werden. Ich bereue es nicht, den Film gesehen zu haben – im Gegenteil konnte ich sehr viel darüber nachdenken. Aber es fällt mir ebenso schwer, ihn als guten Film darzustellen. Auf jeden Fall etwas anderes als Popcorn-Kino, und schon allein deshalb sollte es mehr Filme dieser Art geben. ****

* Offenbar habe ich trotzdem keine so ernst genommen, dass ich irgendeinen Link abgespeichert habe. Meine Sammlung schweigt diesbezüglich und kann sich nur an die Buchkritik erinnern.

** Bevor jemand spekuliert: Die Erinnerung geht um drei Ecken und hat nichts mit irgendeiner Form von Vergewaltigung zu tun.

*** Wenn nicht eine halbe Minute vor Ende des Abspanns ein Kinomitarbeiter hereinkommt, den Ton ausstellt und fragt, ob er denn die Tiefgarage abschliessen koenne. Ich hoffe, das passiert mir nicht noch einmal.

**** Der Film gehört zur Reihe der Millenium-Trilogie, der nächste Teil kommt wohl im Februar 2010.

Thema: Erlebtes, Literatur | Kommentare (1) | Autor: tux

Gedanke zur Null

Thursday, 22. October 2009 21:53

Natürliche Zahlen repräsentieren Klassen gleichmächtiger Mengen.

Die Menge der natürlichen Zahlen enthält vollständig und ausschließlich die Repräsentanten der Klassen gleichmächtiger Mengen.

D.h.

  1. es gibt kein Element der Menge natürlicher Zahlen, das nicht eine Klasse gleichmächtiger Mengen repräsentiert
  2. und es gibt keine Menge, deren Mächtigkeit nicht durch eine natürliche Zahl repräsentiert wird.

Die Zahl Null ist genau dann eine natürliche Zahl, wenn die Existenz einer leeren Menge angenommen wird.

Man kann diese Überlegung mengentheoretisch infrage stellen. Als ich das gestern Abend niederschrieb war da aber niemand, der das tat.

Thema: Gedanken | Kommentare (2) | Autor: tux

Montagmorgen

Monday, 19. October 2009 10:58

Oder später Montagvormittag, wie der gesellschaftlich vorgegebene Tagesablauf die aktuelle Stunde benennt.

So ganz habe ich den Übergang noch nicht geschafft. Hinter mir ein  Wochenende  mit Verblendung im Kino, einer Stunde Taizé und drei sehr verschiedenen, schönen Abenden im Flower, vor mir eine Woche, die viel Neues bringt und dazwischen Eindrücke, die raus wollen, sich aber noch nicht trauen, weil sie sich noch putzen müssen – stelle ich gerade fest.

Mehr dazu also bestimmt später. Jetzt ist Montagmorgen.

Thema: Lebensgefühl | Kommentare (3) | Autor: tux